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Konzerne übernehmen die Bio-Branche

Nachhaltigkeit, Inside i+m

Artikel von Sylke am 12. November 2018

Logocos gehört jetzt zu L’Oréal, Pukka zu Unilever und Ecover zu SC Johnson. Riesenkonzerne haben großen Appetit auf bio. Sie verleiben sich gern mal ein kleines Pionierunternehmen zwecks Profitmaximierung durch Greenwashing ein. Was bedeutet das für die Bio-Branche? Jörg von i+m im Interview.

Logocos und L´Oréal – Was machen Übernahmen wie diese mit der Bio-Branche? Die Journalistin Karin Heinze hat ein ausführliches Interview mit Jörg zum Thema geführt (in stark gekürzter Form auch nachzulesen bei Bio-markt.info):

„Die Logocos-Übernahme wird zu oberflächlich und zu emotional diskutiert“
Die Übernahme von Logocos durch L´Oréal kam in der Branche nicht gut an und wird heiß diskutiert. Kritik wurde bisher vor allem von Seiten des Fachhandels laut. Naturkosmetik-Hersteller Jörg Kruse von i+m wünscht sich eine differenziertere Bewertung und mehr Transparenz.

Es gab schon einige kritische Stellungnahmen von Händlern und Branchen-Experten zur Übernahme von Logocos durch L´Oréal. Wie siehst Du das als Hersteller?

Die Logocos Übernahme wird zu oberflächlich und emotional diskutiert. Das gilt als auch für das viel größere Thema der Unternehmensübernahmen in der Bio-Branche. Das Thema poppt nur in den Medien auf, wenn die übernommene Marke und der Übernehmer sehr bekannt sind und sich gut in das „Rotkäppchen-Schema“ einordnen lassen, nach dem Motto: Die gute Kleine, wird vom großen Bösen gefressen. Genau in dieses Schema passt die Logocos Übernahme durch L‘Oréal.

Welcher Mechanismus setzt da ein?

Das Medieninteresse ist hoch und alle Beteiligten, einschließlich Händler und Konsumenten, können hier auf sehr bequeme Weise ihre ethische Haltung zum Ausdruck bringen, indem sie sich mit dem guten Kleinen gegen den großen Bösen verbünden. Dabei geht es dann aber weniger um eine sachliche Auseinandersetzung als vielmehr um moralische Selbstvergewisserung und gegenseitige Bestätigung.

Was fehlt Deiner Meinung nach in der Debatte?

Es fehlt an Transparenz. Zudem ist die Thematik viel komplexer. Die Übernahmewelle ist seit Jahren im Gange und verändert die Bio-Branche tiefgreifend. Die Logocos-Übernahme ist für mich ein Paradefall, wie unterkomplex die Diskussion geführt wird. Logocos war schon lange in keinen guten Händen mehr. Seit Jahren ist das Unternehmen durch die Hände vieler Heuschrecken gewandert und zuletzt bei einem Oligarchen aus Kasachstan gelandet. Das ist durchaus erschreckend und kein Einzelfall.

Aber der größere Skandal ist, dass dies viel zu wenig kommuniziert wurde. Die Kunden wussten nichts davon. Und jetzt bei der Übernahme von L‘Oréal ist das Geschrei plötzlich groß, wobei dies ethisch gesehen vielleicht sogar die bessere von zwei schlechten Lösungen ist. Wir wissen bei L´Oréal im Gegensatz zu dem mysteriösen Oligarchen woran wir sind und es ist zu erwarten, dass bei L´Oréal Nachhaltigkeit eine gewisse Rolle spielen wird. Ansonsten wäre die Übernahme nicht erfolgt.

Woran lag diese fehlende Transparenz der früheren Logocos Übernahmen?

Es gibt niemanden, der ein Interesse an der Veröffentlichung solcher Informationen hat. Der Übernehmer und das übernommene Unternehmen werden versuchen die Übernahme zu verschleiern, weil sie wissen, dass dies nicht gut beim Kunden ankommt. Der Bio-Fachhandel schweigt aus demselben Grund, wie man auch schon an den Beispielen Pukka, Ecover und Söbbecke sehen konnte.

Die Medien haben auch meist kein großes Interesse an einer Berichterstattung, weil man die betroffenen Marken nicht als Anzeigenkunden verlieren will und es den Interessen des Bio-Fachhandels widerspricht. Alles irgendwie verständlich, aber tragisch, wenn wichtige Informationen es nicht mehr in die Öffentlichkeit schaffen. Soweit zu den Interessen, den großen unsichtbaren Kräften hinter unseren Entscheidungen. Daneben sollten aber zumindest in der Bio-Branche auch noch ethische Überlegungen eine Rolle spielen. Und da frage ich mich, ob der Bio-Fachhandel und die Fachmedien hier Ihrer Verantwortung zur Transparenz gerecht werden.

Wie siehst Du als Unternehmer die Übernahme von Pioniermarken der Bio-Branche durch Konzerne?

Das Gesamtphänomen halte ich für eine Katastrophe, weil dadurch zunehmend Profitinteressen die Oberhand vor Nachhaltigkeitsgesichtspunkten erringen werden. Ich glaube, das zeigt sich bereits jetzt an der zunehmend schwächer werdenden Vorreiterrolle bzw. Innovationskraft der Bio-Branche in puncto Nachhaltigkeit. Für den Einzelfall einer Übernahme lässt sich das nicht so pauschal beurteilen. Die einfachen Zeiten sind vorbei, wo Inhaberschaft und Marke weitgehend identisch waren.

Heute müssen wir bei der ethischen Bewertung einer Marke differenzieren zwischen ihrem Tun und ihrem Inhaber. Für mich steht zwar grundsätzlich das Tun im Vordergrund gemäß dem alten Spruch „An meinen Taten sollst Du mich messen“. Aber auch die Inhaberschaft spielt eine wichtige Rolle in der Beurteilung, denn die Profite fließen an die Konzernmutter und Übernahmen stärken generell die Macht der Konzerne.

Gibt es auch positive Aspekte?

Meist wird nach einer branchenfremden Übernahme das Nachhaltigkeitsstreben nachlassen, aber es gibt auch Ausnahmen, wo nach der Übernahme in Nachhhaltigkeit investiert wurde. Und es gilt auch nicht pauschal, dass Konzerne böse sind, nur weil sie groß sind. Ethische Gesichtspunkte genießen auch bei einigen großen Firmen einen hohen Stellenwert in der Unternehmensstrategie. Ich versuche all diese unterschiedlichen Aspekte bei meiner Beurteilung zu berücksichtigen.

Welche Verantwortung hat der Hersteller?

Selbstverständlich muss ich in meiner Rolle als Hersteller die ethische Verantwortung gegenüber meinen Kunden und meine Werte im Blick behalten. Ethik sollte in meinen unternehmerischen Entscheidungen generell ein wichtiges Kriterium sein, für das ich bereit bin auch auf Profit zu verzichten. Das heißt nicht, dass ich ausschließlich ethisch entscheiden kann, denn dann würde ein Unternehmen bald in Gerechtigkeit sterben und das würde das Thema Nachhaltigkeit nicht voranbringen.

Wie sieht es auf der Handelsebene aus, wem obliegt die Verantwortung? Muss der Bio-Fachhandel entscheiden oder sollte der Kunde entscheiden?

Ich finde, beide stehen hier in der Verantwortung. Der Kunde muss sich entscheiden, ob er die Produkte zukünftig kaufen möchte, der Händler, ob er sie zukünftig verkaufen möchte. Es wird zwar heute gerne von Herstellern und Händlern die Meinung vertreten, dass allein dem sogenannten mündigen Kunden die Entscheidung obliege. Doch auch Bio-Unternehmen wecken mit Produkten Bedürfnisse..

Welche Risiken gibt es, wenn Marken nach fragwürdigen  Übernahmen im Sortiment des Bio-Fachhandels gehalten werden?

Der Bio-Fachhandel hat über Jahre das Vertrauen beim Kunden aufgebaut, dass  Bio- und Nachhaltigkeit eine Herzensangelegenheit sind und es nicht so profitgetrieben läuft wie im konventionellen Handel. Dieses Vertrauen ist der ausschlaggebende Grund, warum Kunden heute im Bioladen und nicht im LEH/Drogeriemärkten Bio-Produkte kaufen, wo diese meistens billiger sind.

Zu diesem Vertrauen gehört auch, dass der Biohändler seine Marken und Produkte unter Nachhaltigkeitskriterien zusammenstellt und ehrlich bzw. transparent mit dem Kunden kommuniziert. Der Kunde möchte in den Bioladen mit dem guten Gefühl gehen, dass alles was er hier kauft, nachhaltigen Kriterien standhält, ohne das er sich die Mühe machen muss sich über jedes Produkt zu informieren.  Da ist es dann problematisch, wenn Marken, die von fragwürdigen Unternehmen aufgekauft werden, im Sortiment verbleiben und dies auch nicht kommuniziert wird. Wenn diese Tatsachen irgendwann publik werden, ist das Vertrauen beim Kunden verspielt und das kann durchaus tödlich sein.

Welche Möglichkeiten hat der Fachhandel sich gegen Übernahmen zu wehren?

Generell kann man sehen, dass vielen Fachhandels-Kunden die Inhaberschaft sehr wichtig ist, wie z.B. auch der Lidl Einstieg bei Basic gezeigt hat, der das Unternehmen fast ruiniert hat. Ich bin im Übrigen sehr froh über diese übernahmekritische Haltung der Bio-Kunden. Denn sie bildet eines der wichtigsten Bollwerke gegen die Übernahmen. Die Konzerne haben inzwischen viele Fehlschläge diesbezüglich erlitten, weil die Kunden sich nach der Übernahme von der Marke abgewendet haben.

Dieses Prinzip funktioniert aber nur, wenn der Bio-Fachhandel und die Fachmedien diese Fälle kommunizieren, weil dann der Kunde überhaupt erst seine Macht ausspielen kann. Dies mag kurzfristig zu ein paar schmerzlichen Umsatzverlusten im Fachhandel führen, doch langfristig wird das Interesse an Unternehmensübernahmen zurückgehen. Schließlich muss der Fachhandel auch aus seiner ethischen Verantwortung sich die Frage stellen, ob ein Unternehmen nach einer Übernahme noch in sein Sortiment passt.

Kann der Bio-Fachhandel etwas gegen die Aufkäufe seiner Marken-Hersteller tun?

Der Bio-Fachhandel steht hier vor einem echten Dilemma. Ähnlich wie beim Thema Fachhandelstreue, wo er nicht verhindern kann, dass Bio-Hersteller ihre Produkte zunehmend auch in konventionellen Vertriebskanälen anbieten, steht er auch Übernahmen relativ machtlos gegenüber – zumindest der einzelne kleine Händler. Bei den größeren Filialisten sieht es etwas anders aus, Der Großhandel hat einen noch größeren Hebel. Optimal wäre Einigkeit und eine konzertierte Aktion.

Ich glaube die einzige erfolgversprechende (Abgrenzungs-)Strategie für den Bio-Fachhandel kann sein, dass er sich statt auf Fachhandelstreue und Inhaberschaft, stärker auf sein Ursprungsthema Nachhaltigkeit besinnt und hier endlich wieder die Vorreiterrolle übernimmt. Dies kann durch eigene Maßnahmen geschehen oder durch Unterstützung von Marken, die hier aktiv sind. Ich finde es schade, dass inhabergeführte, nachhaltige Vorreiter-Marken wie z.B. i+m Naturkosmetik von vielen Fachhändlern nicht gelistet werden, nur weil sie mit einem kleinen Teilsortiment bei dm vertreten sind. Wir sind übrigens vor kurzem für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert worden.

Gratulation und eine Frage zum Schluss. Wie schützt Ihr Euch gegen eine Übernahme?

i+m ist inhabergeführt und eigenfinanziert, d.h. wir arbeiten ohne Bankkredite und Investoren. Dadurch sind wir von Profitinteressen unabhängig. Bei mir als Eigentümer steht ebenfalls Profit nicht an erster Stelle. Mein und auch das oberste Ziel von i+m ist es, dass Thema Nachhaltigkeit voranzubringen. Schließlich sind wir durch unsere Gemeinwohlorientierung ohnehin kein spannendes Übernahmeobjekt. Wir spenden z.B. mindestens 25 % unserer Gewinne und beteiligen unsere Mitarbeiter.


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